Artikel zu Renden/Landman/Savelsbergh/Oudejans (2015): Police arrest and self-defense skills von Alexander Ewald

Krav Maga Blog-Artikel zu Renden/Landman/Savelsbergh/Oudejans (2015): Police arrest and self-defense skills

– Von Alexander Ewald (März 2015) –

Im März 2015 erschien im Fachmagazin Ergonomics der Artikel „Police arrest and self defense skills: performance under anxiety of officers with and without additional experience in martial arts”. Verantwortlich zeichnet eine Forschergruppe aus den Niederlanden mit Peter G. Renden, Annemarie Landman, Geert J.P. Savelsbergh und Raôul R.D. Oudejans – alle u.a. tätig an der Fakultät für Bewegungswissenschaften bzw. am MOVE Research Institute Amsterdam der VU Universität Amsterdam. An dieser Stelle soll im Krav Maga Blog der Aufsatz vorgestellt, durch weitere Quellen kontextualisiert und konkretisiert sowie mit Fragen bedacht werden.

Der Artikel beginnt damit (vgl. Renden et al., 2015: 1f.), dass Polizeiarbeit in Gewaltkonfrontation bestehen kann, wobei in den Niederlanden von den jährlichen 4 Fortbildungstagen nur rund 4-6 Stunden auf das Trainieren von Sicherungs- und Selbstverteidigungs-Fertigkeiten (arrest and self-defense skills, ASDS) entfallen, was Anfragen an das Vorbereitungsniveau zulässt.

Darüber hinaus gilt es zu beachten, dass Angst (anxiety), verstanden als aversiver und motivationaler Zustand in gefährlichen Situationen, eine mögliche Erfahrung im Gewaltkontext sein kann. Diverse Studien zeigten, dass sich unter Angst die Leistung (performance) von Polizeibeamten in unterschiedlichen Bereichen verschlechtert. Erklärt wird dies durch Rückgriff auf ein integratives Modell zu “anxiety und perceptual-motor-performance“ von Nieuwenhuys & Oudejans (2012: 753-756), welches einem „embodied-Ansatz“ zugeordnet wird, der Information begreift als “a product of our interaction with the world and, hence, inherently specifies the behavioral possibilities of an environment taken with reference to a particular actor” (Nieuwenhuys & Oudejans, 2012: 748). Das Modell erklärt die negativen Leistungen unter starker Angst durch einen Aufmerksamkeitswechsel von aufgabenbezogenen zu gefahrbezogenen, vermeint-relevanten Informationen (vgl. Renden et al., 2015: 1, genauer Nieuwenhuys & Oudejans, 2012: 751-753), wobei durchaus Hinweise für fördernden Einfluss einer milden Angst bspw. bei der Leistung mit Handfeuerwaffen und deren Ausdehnung auf den ASDS-Bereich als Frage Beachtung finden (vgl. Renden et al., 2015: 9f.).

Das Forschungsinteresse der Studie bestand darin, Erwartungen zu testen, ob und wie sich Polizisten mit in der Freizeit sich ergebenen, unterschiedlichen Zusatzerfahrungen in verschiedenen Martial-Arts-Systemen in ASDS-Situationen im Vergleich zu Polizisten ohne Zusatzerfahrungen verhalten. Die Versuchsgruppe bestand aus 66 Polizeibeamten (59 Männer, 7 Frauen) als Versuchspersonen (VP), die folgende vier Untergruppen der Kategorie Martial-Arts-Background bildeten (vgl. Renden et al., 2015: 2):

Renden_1

(c) Renden, P.G. / Landman, A. / Savelsbergh, G.J.P. / Oudejans, R.R.D. (2015): Police arrest and self defense skills

Die Erwartungen waren konkret (vgl. Renden et al., 2015: 2):

– Leistungserwartung: ohne Zusatzerfahrung < Krav Maga Gruppe < andere Martial-Arts-Gruppen

– Angsteinfluss auf Leistung: ohne Zusatzerfahrung > Krav Maga Gruppe > andere MA-Gruppen

Dabei stellen das Angstniveau (niedrig/low vs. hoch/high) und die Gruppenzugehörigkeit (Kickboxen, Karate/jiu-jitsu, Krav maga und No martial arts) die unabhängigen Variablen und die Leistung (performance) die abhängige Variable dar.

Allgemeine Anmerkung: „Variablen, die in Experimenten manipuliert werden, werden als unabhängige Variablen (UV) bezeichnet. Die Auswirkungen der UV zeigen sich in der abhängigen Variable (AV). Die AV wird also nicht manipuliert, sondern gemessen“ (Sedlmeier & Renkewitz, 2013: 124).

Renden et al. (2015: 2, 10) sprechen sich gegen eine Entscheidung in Fragen der Effektivität der verwendeten Martial-Arts-Systeme aus, wofür allgemein auf die unterschiedlichen Charakteristiken der Teilnehmer verwiesen wird. Konkret unmöglich wird ein solches Unterfangen in dieser Studie durch Unterschiede in Wochentrainingsstunden (KM = 1; Kickboxen und Karate/Jiu-Jitsu >= 2), Erfahrung in Martial Arts (unklar bleibt, ob dies auf Trainingspraxis – Lesen von Kampfkunstbüchern? – oder auf Trainingspraxis des jeweiligen Gruppensystems – “Judo was my first love“? – abzielt) und zuletzt (vgl. Renden et al., 2015: 10) Unterschiede in Alter, BMI, Geschlecht und Arbeitserfahrung.

Der Ablauf des Experiments war dabei folgender (vgl. Renden et al., 2015: 5):

– Ankunft, Zweckinformierung, schriftliche Einverständniserklärung und Absolvierung des STAI-Tests der Teilnehmenden

– Anlegen eines Messgerätes für die durchschnittliche Herzschlagrate und Situationsblock 1

– Selbstauskunft über empfundene Angst, Raumwechsel, 2 Minuten Wartezeit und Situationsblock 2

– Selbstauskunft über empfundene Angst

– Versuchsende

Die Situationen wurden in zwei Blöcke aufgeteilt und zwar in solch vermeinte und später geprüfte mit niedriger Angst (low anxiety, LA) und chronologisch nachfolgende mit höherer Angst (high anxiety, HA), die im Detail wie folgt konzipiert waren (vgl. Renden et al., 2015: 3):

Die LA-Situationen fanden in einem 12m*12m großen Trainingsraum statt, der mit einer Kreuzmarkierung den Standort der VP (zu Beginn mit Blickrichtung zur Wand) und durch eine 2m davon entfernte Linie die Position des Gegners markierte. Der Gegner bekam vom Versuchsleiter eine Anweisung gezeigt und der Teilnehmende daraufhin verbal seine Reaktion benannt, was sich in folgenden Paaren ausdrückt, die alle nacheinander (Reihenfolge unklar) und immer vom Kreuz als Ausgangsbasis absolviert wurden:

Gegner: Schwinger -> VP: Hoher Block

Gegner: Tritt -> VP: Tiefer Block

Gegner: Annäherung mit großer Kick-Pratze -> VP: Schlag oder Tritt

Das Übungsvorgehen entspricht dem gängigen ASDS-Training und diente als Basis.

Der Block der HA-Situationen fand in einem fensterlosen, 5m*5m großen Trainingsraum statt, in den die Versuchspersonen mit verbundenen Augen gebracht wurden. Vorher hatten sie eine Selbstauskunft zur empfundenen Angst/mentalen Belastung gegeben und eine zweiminütiger Wartezeit verbracht, in der die beiden Videokameras hinübergebracht und vorbereitet wurden. Im Trainingsraum wartete der diesmal in einem Vollschutzanzug agierende Gegner, der bereits verbal und mit Schlägen gegen die Wand Einschüchterungsversuche unternahm. Das Vorgehen bis zur Angriffssituation war gleich (Positionierung auf Kreuz mit Blickrichtung Wand bzw. an der Linie; Instruktionserhalt), die Interaktion zwischen Gegner und Versuchsperson gestaltete sich aber nur teilweise ähnlich:

Gegner: Angriff mit einem elektrischen Schockmesser -> VP: Tritt

Gegner: Angriff mit erhobener Faust -> VP: Schlag

Gegner: Schwinger -> VP: Hoher Block (Konterattacken zugelassen)

Gegner: Tritt -> VP: Tiefer Block (Konterattacken zugelassen)

Gegner: Angriff mit einem Schlagstock -> VP: frei

Gegner: Anpacken, festhalten -> VP: frei

Nach Beendigung erfolgte ebenfalls eine Selbstauskunft bzgl. der Angst und mentaler Belastung.

Die subjektiv empfundene Angst (anxiety) und mentale Belastung (mental effort) wurden mittels dem “‘anxiety thermometer‘“ von Houtman & Bakker und der “Rating Scale for Mental Effort“ von Zijlstra wurden nach Absolvierung der Situationsblöcke als Selbstauskunft erhoben. Ergänzend wird betont, dass die Versuchspersonen „had no extraordinary general tendency to respond to threatening situations with an elevation in state anxiety“ (Renden et al., 2015: 2). Dafür führen die Autoren (vgl. Renden et al., 2015: 2f.) einen STAI-Test an, den die Teilnehmenden zu Beginn des Experiments ausfüllten und der zwischen den Gruppen wenig variierte aber statistisch signifikant niedriger ausfiel als die Normwerte.

Allgemeine Anmerkung: Statistische Signifikanz wird per Tests ermittelt, die Auskunft geben über: Niveaugebundene Ablehnung eines zufälligen Zustandekommens (vgl. Sedlmeier & Renkewitz, 2013: 359); Lind (2014: 6) bezeichnet damit die „Präzision eines Stichprobenergebnisses im Hinblick auf eine wohldefinierte Grundgesamtheit und einen (auf Grund von inhaltlichem Vorwissen) bestimmten Schwellenwert“.

Ausgewertet wurde beim STAI-Test die sog. „A-Trait-Skala“, die Angst als spezielle Eigenschaft entfaltet, wohingegen die “A-State-Skala“ Angst als Zustand konzipiert – allerdings erfasst die verwendete A-Trait-Skala weniger generelle Ängstlichkeit als vielmehr „Bewertungsängstlichkeit“ und der STAI misst, wie viele Angstfragebögen, eine Mischung aus Angst, negativer Affektivität und Depression (vgl. Krohne & Hock, 2007: 298f.). Die nach den beiden Situationen durch Selbstauskünfte erhobenen Angstwerte wurden durch Messungen der durchschnittlichen Herzschlagrate als Angstindikator, die kurz vor der ersten Aufgabe einsetzten und kurz nach Absolvierung der letzten Aufgabe ausgesetzt wurden, ergänzt. Alle Werte fielen in/nach den HA-Situationen in allen Gruppen höher und ähnlich/insignifikant aus, was die Autoren zur Annahme eines gelungenen “manipulation checks“ bzgl. der situativen Angst bewegt, auch wenn höherer Herzschlag auch durch die höhere körperliche Belastung in den HA-Situationen möglich ist (vgl. Renden et al., 2015: 5-7).

Die Situationen wurden dabei auf Video aufgezeichnet und die Leistung in den jeweiligen Aufgaben (s.o.) durch insgesamt drei Polizeiausbilder auf einer Likert-Skala von 1 nach 5 eingeschätzt, wobei Werte unter „3“ als unzureichend angesehen wurden und einer Reliabilitätsprüfung unterzogen (vgl. Renden et al., 2015: 5, 8).

Allgemeine Anmerkung: Reliabilität ist die „Zuverlässigkeit oder Messgenauigkeit eines Messinstruments“ (Sedlmeier & Renkewitz, 2013: 71).

Die obigen Gegenüberstellungen der LA- und HA-Situationsblöcke lassen für die Versuchspersonen eine Mehrfachzuordnung der Aufgaben „Tritt/kick“, „Schlag/punch“ und „hoher Block/high block“ bzw. „tiefer Block/low block“ zu LA- und HA-Situationen sowie die HA-spezifische Abwehraufgaben zu „Schlagstock/club“, „Festhalten, tackle“ und „Konterattacken/counter-attacks“ erkennen.

Die nachfolgenden Grafiken (vgl. Renden et al., 2015: 7f.) geben die Ergebnisse der Leistungseinschätzung der jeweiligen Versuchsgruppe auf der Likert-Skala im arithmetischen Mittel wieder, die dann auch statistisch ausgewertet wurden:

 a) LA/HA-Gemeinaufgaben (Kick/Tritt, Punch/Schlag, Low/Tiefer Block und High/Hoher Block):

Renden_2

(c) Renden, P.G. / Landman, A. / Savelsbergh, G.J.P. / Oudejans, R.R.D. (2015): Police arrest and self defense skills

 

b) HA-spezifische Aufgaben (Club/Schlagstock-Angriff, Tackle/Festhalten, Counter-/Konter-Attacken):

(c) Renden, P.G. / Landman, A. / Savelsbergh, G.J.P. / Oudejans, R.R.D. (2015): Police arrest and self defense skills:

(c) Renden, P.G. / Landman, A. / Savelsbergh, G.J.P. / Oudejans, R.R.D. (2015): Police arrest and self defense skills

Leider gibt die Studie keine genauere Auskunft über die Gestaltung der Kriterien zur Einteilung auf der Likert-Skala und befasst sich nicht explizit mit Fragen der Reaktivität des Beobachteten auf die Beobachtung oder mit Erwartungen des Beobachters (vgl. Sedlmeier & Renkewitz, 2013: 112-115).

 

Insgesamt wurde dann eine Datenanalyse und –auswertung auf mehreren Ebenen vorgenommen (vgl. Renden et al., 2015: 5), wobei vor allem einfaktorielle oder mehrfaktorielle Varianzanalysen mit einer abhängigen Variablen (ANOVA) mit anschließendem post-hoc-Korrekturverfahren der Bonferroni-Korrektur erfolgten:

Allgemeine Anmerkung: Varianzanalysen dienen der Prüfung von Mittelwertsdifferenzen und können danach unterschieden werden, ob es eine (ANOVA) oder mehrere (MANOVA) abhängige Variablen gibt (vgl. Bühner & Ziegler, 2009: 321, 341). Die ANOVAs kommen bei Mittelwertvergleichen bei einer AV dann zum Einsatz, wenn eine UV mehr als zwei Stufen hat oder mehr als eine UV vorliegen (vgl. Bühner & Ziegler, 2009: 322f.).

Post-hoc-Verfahren erlauben Mittelwertsvergleiche auf statistische Signifikanz zwischen Gruppen und zeugen eher von Hypothesengenerierung denn Hypothesentestung, da alle möglichen Vergleiche getestet werden (vgl. Bühner & Ziegler, 2009: 545). Bedeutsam ist, ob es sich dabei um abhängige bzw. unabhängige Signifikanztests handelt – bei ersteren beeinflussen sich die Standardfehler untereinander, bei letzteren nicht, da sie aus verschiedenen Stichproben herrühren (vgl. Bühner & Ziegler, 2009: 545f.).

Die Bonferroni-Korrektur (vgl. Bühner & Ziegler, 2009: 547-550) kann als post-hoc-Korrektur verstanden werden und korrigiert das Problem der α-Fehler-Inflation – allerdings nur bei unabhängigen Signifikanztests exakt. Dazu wird der α-Fehler-Wert durch die Vergleichsanzahl geteilt, so dass sich ein adjustiertes α-Niveau ergibt, welches bei allen Vergleichen und der Teststärkebestimmung anzuwenden ist.

 

An Ergebnissen stellen Renden et al. (2015: 5-9) – neben dem bereits dargelegten „manipulation check“ bzgl. der situativen Angst – vor allem die Leistung (performance) als Vergleich der gemeinsamen LA- und HA-Situationen und in den reinen HA-Aufgaben in den Blick:

Ersteres wurde als sogenannte „Mehrfaktorielle Varianzanalyse mit Messwiederholung eines Faktors“ konzipiert, bei der ein between-subject-Design eines Gruppenfaktors mit einem within-subject-Design eines Messwiederholungsfaktors gemischt wird, wobei verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein müssen, wie Intervallskalenniveau der abhängigen Variable, die Messwerte sämtlicher Teilstichproben müssen normalverteilt sein, Gruppenvarianzen und Varianzen wie Kovarianzen der Messwiederholung müssen homogen sein und das Design muss ausbalanciert werden, so dass für jede VP zu jedem Messzeitpunkt genau ein Wert vorliegen muss (vgl. Bühner & Ziegler, 2009: 478-515). Im vorliegenden Fall ist Kampfkunstzugehörigkeit der Gruppenfaktor zwischen den Versuchspersonen und Angst der Messwiederholungsfaktor zu verschiedenen Zeiten innerhalb der Versuchspersonen (vgl. Renden et al., 2015: 5). Auch den Voraussetzungen wurde genüge getan, was im Fall der Ausbalanciertheit explizit gemacht wird, da zwei Versuchspersonen, deren LA-Videoaufzeichnungen beschädigt wurden, ausgeschlossen wurden (vgl. Renden et al., 2015: 3).

Die Ergebnisse der ANOVA mit statistisch signifikanten Leistungsanfragen in den LA/HA-Gemeinaufgaben (vgl. Renden et al., 2015: 7f.) zeigen, dass 1) ein statistisch signifikanter Effekt für Angst vorlag, wobei alle Gruppen im HA-Situationsblock schlechter abschnitten als im LA-Situationsblock, 2) ebenso ein statistisch signifikanter Effekt für das Merkmal Gruppe und 3) keine statistisch signifikanten Interaktionseffekte ausgewiesen wurden.

Bei den HA-spezifischen Aufgaben (vgl. Renden et al., 2015: 5) erfolgte eine sogenannte „Einfaktorielle Varianzanalyse ohne Messwiederholung“. Bei dieser ANOVA liegt eine AV und eine UV vor und als Voraussetzungen zur Anwendung gelten Normalverteilung und Intervallskalierung der AV in den Gruppen, Unabhängigkeit der Beobachtungen und Varianzhomogenität der Gruppen (vgl. Bühnen & Ziegler, 2009: 343, 367-371) Im Ergebnis dieser ANOVA zeigte sich ein statistischer Signifikanzeffekt für das Merkmal der Gruppe (vgl. Renden et al., 2015: 7f.).

 

Nach der post-hoc-Korrektur ergaben sich folgende statistischen Signifikanzwerte bei den Vergleichen zwischen Gruppe und Leistung (vgl. Renden et al., 2015: 8):

(c) Renden, P.G. / Landman, A. / Savelsbergh, G.J.P. / Oudejans, R.R.D. (2015): Police arrest and self defense skills:

(c) Renden, P.G. / Landman, A. / Savelsbergh, G.J.P. / Oudejans, R.R.D. (2015): Police arrest and self defense skills:

 

LA/HA-Gemeinaufgaben (Kick, Punch, High/Low Block):

– Kickbox-VPs hatten eine statistisch signifikant bessere Leistungseinschätzung als Krav-Maga-VPs und als VPs ohne Zusatzerfahrung im Martial-Arts Bereich.

– Die Karate/Jiu-Jitsu-VPs schnitten in der Beurteilung ihrer Leistung besser ab, als die No-Martial-Arts-Gruppe (statistisch signifikant) bzw. die Krav-Maga-Gruppe (keine statistische Signifikanz)

– Krav-Maga-VPs schnitten besser ab als VPs ohne Zusatzerfahrung und schlechter als die Karate-VPs, die über mehr Erfahrung verfügten – allerdings ohne statistische Signifikanzen

 

HA (Club attack, Tackle attack, Counters):

– Jede VP-Gruppe mit Zusatzerfahrung schnitt in der Leistungseinschätzung statistisch signifikant besser ab als die VP-Gruppe ohne Zusatzerfahrung

– Die Leistungsunterschiede zwischen den Gruppen mit Zusatzerfahrung waren nicht statistisch signifikant

Allgemeine Anmerkung: Lind (2014) weist bei statistischen Auswertungen darauf hin, dass ein rein mechanistisches Abarbeiten an statistischen Größen, die durchaus ihre Aussagekraft haben und verschiedene Aspekte abdecken, wie statistische Signifikanz, relative Effektstärken, absolute Effektstärken nicht der Weisheit letzter Schluss ist, wenn es um die abschließende Beurteilung geht: Vielmehr ist zu fragen, ob die statistischen Auswertungen durch Änderungen in Verhalten oder Handlungen erweitert werden können.

 

Zusammenfassung

Auf den Punkt gebracht, lassen sich Erwartungen und Ergebnisse der Studie wie folgt darstellen (vgl. Renden et al., 2015: 2f., 9f.):

– Untersuchungsziel: Erforschen, ob 1) Polizisten mit in der Freizeit erworbener Zusatzerfahrung im Bereich Martial Arts in Situationen zu Sicherungs- und Selbstverteidigungs-Fertigkeiten mit niedriger und höherer Angst leistungsmäßig besser abschneiden als Polizisten ohne solche Zusatzerfahrung und 2) ob Polizisten mit Zusatzerfahrung unter höherer Angst die Performance aufrecht erhalten können.

– Versuchspersonen (VP) bildeten Gruppen: Gruppe ohne Zusatzerfahrung, Krav-Maga-Gruppe mit wenigen Jahren Trainingserfahrung und 1*Training pro Woche als geringste Differenz, Karate/Jiu-Jitsu-Gruppe und Kickboxing-Gruppe mit mehreren Jahren Trainingserfahrung und mindestens 2*Training pro Woche. Diese Unterschiede machen einen Effektivitätsvergleich der Martial-Arts-Ansätze untereinander in dieser Studie unmöglich!

– Die Gruppen unterscheiden sich ferner in Alter, BMI, Geschlecht und Arbeitserfahrung.

– Alle VPs durchliefen zuerst Situationen mit niedriger (LA) und dann mit höherer (HA) Angst – die Angst wurde als Selbstauskunft erhoben und war in den als HA vermeinten Situationen höher.

– In den Situationsblöcken gab es Gemeinaufgaben, die also die VPs in beiden Blöcken durchführen mussten (Tritt, Schlag, tiefer und hoher Block) und HA-spezifische Aufgaben (Verteidigung gegen Stock- oder Festhalteangriff, Durchführen von Konterattacken). Die Leistungen wurden von drei Polizeiausbildern auf einer Skala von 1 nach 5 mit 3 als Schwellenwert im Nachhinein durch eine Videoaufzeichnung eingeschätzt.

– Zwischen der Krav-Maga-Gruppe und der Gruppe ohne Zusatzerfahrung als geringste Differenzstufe zeigte sich in den LA/HA-Gemeinaufgaben keine statistische Signifikanz in der Leistungseinschätzung, wohl aber in den HA-spezifischen Aufgaben. Als Ergänzung werden Studien angeführt, wonach erfahrungsbasierte Vorteile am stärksten in Kontexten der Auseinandersetzung, also „competitive contexts“ (Renden et al., 2015: 9) auftreten, was zu den statistischen Signifikanzunterschieden in den diesen Kontexten nahe kommenden HA-Situationen passen könnte.

– Die Zusatzerfahrung schützt – entgegen der Erwartung – nicht vor einem Leistungsabfall durch Angst – in allen Versuchsgruppen war der jeweilige Leistungsabfall zwischen dem LA- und dem HA-Situationsblock ähnlich. Erklärt wird dies über ein Modell, welches einen Aufmerksamkeitswechsel weg von aufgabenbezogenen Informationen hin zu Gefahrinformationen ausweist.

– Um einen Leistungsabfall oder gar –einbruch zu verhindern, wird angeregt, nicht nur rein rhythmisch in gleich bleibenden Situationen zu trainieren, sondern die Situationen zu variieren und durchaus verschiedene Angstlevel beizufügen. Auf ein, nicht im Text vorkommendes, geflügeltes Wort gebracht, könnte es um die durchaus individuelle Suche gehen, Trainierende weder besonders gut noch besonders schlecht aussehen zu lassen. Oder mit den Worten von Renden et al. (2015: 10):

(c) Renden, P.G. / Landman, A. / Savelsbergh, G.J.P. / Oudejans, R.R.D. (2015): Police arrest and self defense skills:

(c) Renden, P.G. / Landman, A. / Savelsbergh, G.J.P. / Oudejans, R.R.D. (2015): Police arrest and self defense skills

 

 

 

Quellenverzeichnis

Bühner, M. & Ziegler, M. (2009): Statistik für Psychologen und Sozialwissenschaftler. München: Pearson Studium.

 

Krohne, H.W. & Hock, M. (2007): Psychologische Diagnostik. Grundlagen und Anwendungsfelder. Stuttgart: Kohlhammer, 1. Auflage.

 

Lind, G. (2014): Effektstarken: Statistische, praktische und theoretische Bedeutsamkeit empirischer Studien. Online: http://www.uni-konstanz.de/ag-moral/pdf/Lind-2014_Effektstaerke-Vortrag.pdf (2014-08-01).

 

Nieuwenhuys, A. & Oudejans, R.R.D. (2012): Anxiety and Perceptual-Motor Performance: Toward an Integrated Model of Concepts, Mechanisms, and Processes. In: Psychological Research 76 (6): 747–759.

 

Renden, P.G. / Landman, A. / Savelsbergh, G.J.P. / Oudejans, R.R.D. (2015): Police arrest and self defense skills: performance under anxiety of officers with and without additional experience in martial arts. In: Ergonomics, 58 (in press): 1-11. Online: http://dx.doi.org/10.1080/00140139.2015.1013578

 

Sedlmeier, P. & Renkewitz, F. (2013): Forschungsmethoden und Statistik. Ein Lehrbuch für Psychologen und Sozialwissenschaftler. Hallbergmoos: Pearson Deutschland GmbH, 2., aktualisierte und erweiterte Auflage.

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