Buchrezension zu Lee Morrisons “The Complete Book of Urban Combatives” & DVD

Lee Morrison “The Complete Book of Urban Combatives

Lee Morrison “The Complete Book of Urban Combatives

Relativ druckfrisch liegt dem Krav Maga Blog mit “The Complete Book of Urban Combatives“ das neueste Buch und mit “Primal Combatives – Bare-Bones Skills and Tactics for the Street“ die neueste DVD von Lee Morrison zur Rezension vor. Das fast im Din-A4-Format über beinahe 190 Seiten verfügende Buch zeigt auf dem Cover des Softcovereinbandes eine Bedrohungssituation in einer dunklen Gasse, welches Morrisons (2015: 17) Anspruch eines verdeutlicht: „Combatives were born out of real experience and designed purely to counter violence“. Dies soll durch das im Buch und auf DVD vorgestellte Curriculum der Urban Combatives ermöglicht werden, welches historisch auf den 2. Weltkrieg als Bezugspunkt verweist und dabei von vielen Leuten (z.B. W.E. Fairbairn, Charles Nelson, Pete Robins Kelly McCann, Geoff Thompson) oder anderen Systemen (philippinische Kampfkünste, Paul Vunkas Rappid Aussault Tactics, oder verschiedene Wrestling- und Grappling-Systeme) auf technischer wie mentaler Ebene (NLP oder Ansätze Geoff Thompsons) beeinflusst und geprägt wurde (vgl. Morrison, 2015: 3-13). Urban Combatives betont Selbstschutz statt Selbstverteidigung, da Ersterer (vgl. Morrison, 2015: 3, 16) Vermeidung und Flucht ohne negative Konsequenzen wie bspw. auf Grund einer Verletzung beinhalten kann und das Curriculum „ can be tapered to the needs of the individual, whether for the civilian self-protection or door/event security, or law enforcement, military, or close-protection personnel” (Morrison, 2015: 13).

Combatives – von Mindset, Prinzipien, Gameplan und Grenzgängen

Morrison (2015: 15f.) versteht unter Combatives ein historisch auf den zweiten Weltkrieg Bezug nehmendes „compressed curriculum of personal security skills (street smarts) backed up by a small toolbox of workable gross-motor hard skills that are simple to learn and efficient under the stress of fear, confusion, and fatigue – or, in short, fight stress”. Deren zeitgenössischer Unterschied zu Martial Arts und Combat Sports liegt vor allem in einer Differenz der Rahmenbedingungen und des Mindset, wonach combative Auseinandersetzungen keine Dynamik eines wechselseitigen Austausches besitzen, und das Mindset bedeutet „to be single-minded in your objective to defeat the enemy“ (vgl. Morrison, 2015: 16-19). Eng damit verwoben ist die sogenannte kontrollierte Aggression

Als eine Art gebahnte Vehemenz oder Killerinstinkt, den es laut Morrison (2015: 40, 44) zu entdecken gilt und der nicht mit blindwütiger Aggression zu verwechseln ist – prägnant formuliert: “If you only learn one thing from this book, make it this: physical combat is 90-percent mind-set and 10-percent technique […]. Your mindset must be totally combative, and your killer instinct must be summoned and then unleashed into a controlled explosion of fight-ending intensity“ (Morrison, 2015: 34).

Das Mindset bildet dabei das tragende Fundament der „Vital Pyramid“ des UCs, die ferner aus darauf in ihrer Effizienz aufbauenden Tactics, Skills und Kit besteht (vgl. Morrison, 2015: 39f.): Unter Taktiken fasst Morrison (2015: 40) bspw. das preemptive Vorgehen mit Vorwärtsdruck in einer Situation ohne direkte Entkommensmöglichkeit, Skills sind die „physical tools I wish to employ“ (Morrison, 2015: 40) und Kit umfasst das benutzte Equipment, Ausrüstung und Kleidung.

Wichtig ist dabei, dass das Mindset entsprechend kontextualisiert wird und es nicht um Paranoia geht, sondern Selbstschutztraining durch einen Gameplan sinnvoll wird (vgl. Morrison, 2015: 21f.) – der Gameplan des UC umfasst dabei folgende Stufen (vgl. Morrison, 2015: 21-34):

  • Gameplan Stufe 1: Awareness: Bewusstes Wahrnehmen umfasst einmal situative Aspekte, die Morrison (2015: 22f., 121f.) über Jeff Coopers und Dennis Martins Farbsystem mit einer Schalteranalogie kodiert. Das System enthält die farblichen Abstufungen Weiß (entspannt, unaufmerksam, erforderlich, aber auf relativ sichere Umgebungen und Situationen beschränkt), Gelb (dezenter Umgebungsscan bei unbekannter Umgebung oder Leuten), Gelb Alpha (aktives Abscannen der Situation und Umgebung für Merkwürdigkeiten), Orange (Potentielles Problem wird vermeint und eingeschätzt – “‘guard‘ state“ (Morrison, 2015: 122)), Rot (preemptives, aktives Vorgehen gegen die Gefahr) und Schwarz (“lethal assault in progress“ (Massa Ayoob) – vgl. Morrison, 2015: 122).Ergänzt wird das Farbschema um das aus der Kampfpilotenausbildung stammende OODA-Loop-Modell (vgl. Morrison, 2015: 23):Das Konzept besteht aus einer schleifenförmigen Anordnung von konstanter Beobachtung (Oberservation (O)) in Farbe Gelb (s.o.), wobei ein auftauchendes, vermeintes potentielles Problem in den Fokus genommen und eingeschätzt wird (Orientation (O)), woraufhin sich eine Entscheidung (Decision (D)) und eine Handlung (Action (A)) anschließen, bevor zum ersten, observativen O zurückgekehrt wird. Morrison (2015: 23) erläutert das OODA-Loop-Modell am Beispiel eines Pub-Besuchs: Nach dem Eintreten und Einfinden an der Bar, wird der Schalter umgelegt (Farbe Gelb) und umherschweifende Beobachtung (Observation) setzt ein und zwei lauter werdende Personen werden als “looking for trouble“ eingeschätzt (Orientation) werden, woraufhin die Entscheidung getroffen (Decision) und umgesetzt (Action) wird, sich zum nächsten Ausgang zu begeben und dabei Abwägungen erfolgen, wie man sich im Bedarfsfall verteidigen könnte.Awareness umfasst darüber hinaus vermeintes Vorgehen von Tätern und Aggressoren mit Ablenkung, Einschätzung eines Opfer-Status und aggressiver Körpersprache (vgl. Morrison, 2015: 21, 123), die mit Beispielen und Indizien unterlegt werden. Ebenso zielt Awareness aber auch auf einen selbst, womit Morrison (2015: 22) vor allem biologische Aspekte in einer Stresssituation meint, wo es zu Flucht oder Kampfreaktionen kommen kann. Diese Reaktion ergibt sich aus der Adrenalinausschüttung, die oft als Furcht interpretiert wird, und im Stressgeschehen setzen neurobiologische Prozesse unter Einbezug der Amygdala, des limbischen Systems und des Sympathikus ein, wonach wir in der Situation “the intelligence of a dog“ aufweisen, durch das Adrenalin “stronger, faster, and more impervious to pain and shock“ sind und Einschränkungen in der Wahrnehmung auftauchen können (vgl. Morrison, 2015: 31). Letzteres ist nach Forschungen des Wissenschaftlers Bruce Siddle zum “survival stress response (SSR)“ direkt mit der Herzschlagrate verknüpft – diese kann in Kampfsituationen zwischen 70 und 220 Schlägen pro Minute liegen, wobei ab 115 Schlägen feinmotorische Fähigkeiten verlustig gehen und ab 145 Schlägen die erwähnten Wahrnehmungseinschränkungen einsetzen, weshalb das Optimum einer zweckdienlichen Kampfweise, die beschleunigtem Herzschlag Rechnung trägt, mit einer größtmöglichen Reaktionszeit und dem Einbezug simpler, grobmotorischer Fertigkeiten zwischen 115 und 145 Schlägen liegt (vgl. Morrison, 2015: 32f.). Im Umgang mit Furcht empfiehlt Morrison (2015: 32-34), diese zu erwarten und als überlebensdienlich anzunehmen und tiefes Durchatmen und Entspannen der Schultern erlauben “control your inner self“ – eine Erstarrungsreaktion wird abgemildert durch “awareness (i.e., being switched on), good threat-assessment abilities, and anticipation and understanding of the adrenaline sensation“. An praktischen Empfehlungen gibt Morrisson (2015: 33f., 125-129) Hinweise wie tiefes Durchatmen zur Herzschlagregulation und –senkung, sowie desensibilisierende Übungen in sicherer Umgebung mit Schutzausrüstung, die Rollenspiele, aggressive Dialoge, Krisenszenariotraining und Visualisierungen umfassen. Visualisierungen mit Bezug zum NLP dienen der Entwicklung einer “controlled explosion of anger“ (Morrison, 2015: 13). Ein starker Anknüpfungspunkt für Verständnis, Kontrolle und trainingsdienlichem Umgang mit Furcht ist für Morrison (2015: 9f., 33f.) Geoff Thompson, den er als Freund und Lehrer und wegen spiritueller Ebenen, „where we truly know ourselves and are free from ego“ schätzt. Hilarion Petzold (in: Bloem/Moget/Petzold, 2004: 125f., 130, 137f.) mahnt – insbesondere mit eindringlichem Bezug zu Thompson und vor allem, wenn Kinder und Jugendliche unterrichtet werden – eine kritische Konsistenzreflexion an, die Ideologie, Aggressions- und Emotionspsychologie und Neurowissenschaften berücksichtigen sollte.
    Lee Morrison "Hit First, hit hart and be ferocious!"

    Lee Morrison „Hit First, hit hart and be ferocious!“

    Um ein eher begrenztes Aggressionskonzept zu vermeiden, entfaltet Petzold (Petzold/Bloem/Moget, 2004: 30-34 und Petzold in Bloem et al., 2004: 116-140) das Aggressionskonzept der Integrativen Psychotherapie: Diese sieht Aggression als komplexes, funktional gutes, aber auf Destruktion gerichtetes, evolutiv verankertes aber kollektiv-historisch und individuell-biografisch geformtes, affktiv-behaviorales Musterbündel, welches, neben Verharren und Angst/Furcht, eine Reaktionsform des Organismus oder Leib-Subjektes in seiner Lebenswelt auf eine wahrgenommene Bedrohungslage ist (vgl. Petzold et al., 2004: 30-34; Petzold in: Bloem et al., 2004: 116, 127f., 130, 133-135, 140). Etwaige Kampf-, Flucht, oder Erstarrungsreaktionen sind aber personenspezifisch, da biographische Erfahrungen bis in die Genexpression hineinwirken und somit wahrnehmungsprägend sind. Dabei sind Stresssituationen immer auch Lernsituationen, in denen der mit plastischen neuronalen Netzwerken versehene Organismus amygdal oder zu weil gar in komplexen Prozessen mit neuro- oder biophysiologischem Markieren, emotionalen Bewerten und ggf. mit kognitiven Einschätzungen lernt (vgl. Petzold in: Bloem et al., 2004: 120f., 127, 129-131, 135). Trainierende bringen daher ihre eigene Stress-, Angst- und Furchtgeschichte mit und Desensibilisierungen und „Animalisierung“ stehen damit in der Gefahr, Grenzen zu überschreiten (insb. aber nicht nur bei Kindern und Jugendlichen), da individuell-biografisches übergangen, traumatisches evoziert werden kann und Aggressionen angebahnt statt moderiert und reguliert werden (vgl. Petzold in: Bloem et al., 2004: 125f., 130, 137f.). Diese Aufgabe anzunehmen dürfte, auch nach Morrison (2015), weiterhin eine echte Herausforderung für Unterrichtende wie Trainierende im Bereich der Selbstverteidigung sein.

  • Gameplan Stufe 2: Avoid and escape where’s possible: Wie bereits erwähnt, versteht Morrison (2015: 3) Urban Combatives als Selbstschutzprogramm, da Vermeidung und Flucht Berücksichtigung finden und körperliche Verteidigung nicht immer als alleinige Option gesehen wird. Insbesondere im zivilen Bereich ist Vermeidung und Entkommen das oberste Ziel, da in jedem Kampf negative, da lebenseinschränkende oder gar –beendende Konsequenzen sich einstellen können (vgl. Morrison, 2015: 15f.). Morrison (2015: 3, 35) befürwortet dabei ein Ernstnehmen der “street-smart instincts“ als sogenanntem sechsten Sinn, um bei Unbehagen mit Blick auf sich abzeichnende Situationen diese zu vermeiden: Wenn man bspw. im Einkaufszentrum auf den Fahrstuhl wartet und sich beim Öffnen der Fahrstuhltüre ein für einen zweifelhaft, fragwürdig erscheinender Mensch zeigt, schlägt Morrison (2015: 35) vor, diesem mulmigen Gefühl zu vertrauen und zu erwidern: “Go ahead; I’m waiting for someone.“
  • Gameplan Stufe 3: If approached, protect space with the fence: Stufe drei geht einen Schritt weiter und setzt ein, wenn Flucht und Vermeidung keine direkte Option mehr sind – nun geht es um ein Abgrenzen auch in Form von Körperhaltungen, die situative Kontrolle ermöglichen und möglichst nicht-aggressiv wahrgenommen werden – als Strukturierung dient der von Geoff Thompson eingebrachte “Fence“ (vgl. Morrison, 2015: 23-26): Als Fence-Range gilt alles innerhalb einer Reichweite von 60cm bzw. der jeweiligen Armlänge – außerhalb davon ist der “Ed Sullivan“-Stand mit nicht festgelegtem Schlagarm umsetzbar; innerhalb davon soll mit den Händen in flüssigen, nicht hektischen Bewegungen kommuniziert werden – der deutlichste Fall sind die nach vorn gerichteten, offenen und ca. auf Brust- bis Kopfhöhe befindlichen Hände, für die gilt: “Any language in the world will get across the message: ‚Stay there – I don’t want any trouble.‘“ (Morrison, 2015: 25). Leider unternimmt Morrison in seinem Curriculum keine Trainingskontextualisierungen für die individuellen, kulturell geprägten Regulierungen und Verwebungen von Selbstkonstruktion und interpersonaler Distanz (vgl. Roeder (2003)): Damit ist gemeint, dass Menschen unterschiedliche Selbstbilder konstruieren können – manche sehen sich als von anderen getrennt und durch ihnen innewohnendes gekennzeichnet und andere Menschen sind Vergleichsmaßstab bei dieser sog. independenten, d.h. unabhängige Selbstkonstruktion; die interdependente Selbstkonstruktion dagegen betont die eigene Definition über Beziehungen zu anderen (vgl. Roeder, 2003: 14). Roeder (2003: 130) zeigte nun, dass die Gestaltung zwischenmenschlicher Distanzräume durchaus mit diesen Selbstkonstruktionen assoziiert ist. Ihre Untersuchung bezog sich aber auf einen ingroup-Bereich, also im SV-Bereich bpsw. Mitglieder einer Trainingsgruppe, wo Personen mit interdependenter Selbstkonstruktion mehr Nähe in ihren Distanzräumen zulassen (vgl. Roeder, 2003: 27, 125). Das damit berührte Fragenfeld, wie Menschen ihre Distanzen regulieren dürfte sich aber zumindest im konkreten Trainingsalltag als Herausforderung ergeben.
  • Das Layout des Buch ist so pragmatisch, wie Urban Combatives selber.

    Das Layout des Buch ist so pragmatisch, wie Urban Combatives selber.

    Gameplan Stufe 4: Verbally de-escalate the situation, if possible: Dem obigen Zielansatz gemäß geht es im Bedarfsfall darum, verbal zu deeskalieren und somit physisches Tätigwerden im engeren, combativen Sinn zu vermeiden, was sich besonders bei Leuten, die auf Grund außergewöhnlicher Umstände mit Aggressionen reagieren, hilfreich sein kann (vgl. Morrison, 2015: 27). Als Praxistipps gibt Morrison (2015: 27f.) das nicht-starrende Herstellen von Blickkontakt zur Interessensignalisierung mit gleichzeitiger Absicherung der eigenen Distanzzone, ein niedrig bis mittleres Anspannungsniveau, welches durch Zwerchfellatmung (3 Sekunden einatmen, 2 Sekunden ‚halten‘, 3 Sekunden ausatmen) gehalten wird, positive Selbstgespräche (“I can handle it“), die von der Gewinnmaxime ausgehen, da im Falle eines Scheitern überleben wenigstens möglich ist (vgl. Morrison, 2015: 40). Insgesamt also ein sicheres, cooles, energisches, der Deeskalation dienliches Auftreten in Körpersprache, verbaler Kommunikation und die Bereitschaft, dem – im Falle des Falles – körperlich Nachdruck zu verleihen und von der Einschätzung dieses Eindrucks hängt es ab, ob man selbst als Opfer oder als jemand, der bereit ist, sich zur Wehr zu setzen, wenn seine klar abgesteckten Bereiche/Anweisungen missachtet werden, gesehen wird (vgl. Morrison, 2015: 27-30): “Posturing can truly be the art of fighting without fighting“ (Morrison, 2015: 30).

  • Gameplan Stufen 5+6: If not, strike first, fast, and hard and then escape & If necessary, keep striking until there’s no more threat and then escape: Die letzten beiden Stufen des Gameplans umfassen den Bereich, wenn körperliche Verteidigung das einzig für einen verbleibende Mittel ist, um Schaden abzuwenden. Vom Mindset und Killerinstinkt als Bereitschaft alles zu geben, was zum Siegen erforderlich scheint, wurde bereits berichtet – ergänzt werden muss noch, dass Morrison (2015: 34) Selbstkenntnis bzgl. Stärken und Schwächen sowie Vertrauen in die Verteidigungsfertigkeiten als zentrale Aspekte für die Kontrolle des Killerinstinkts ansieht. Darüber hinaus spricht sich Morrison (2015: 40f., 80f., 147) für von Ablenkung getragenes, preemptives Vorgehen aus, da Aktion schneller ist als Reaktion, wobei die jeweilige Gesetzeslage hinsichtlich Notwehr auf dieses Vorgehen abgestimmt sein sollte, um juristische Verwicklungen so gering wie möglich zu halten.

In der Umsetzung setzt das Urban Combatives Curriculum auf Körperwaffen und –fluchtinstrumente wie Beine, Füße, Hände, Arme, Kopf und Zähne (vgl. Morrison, 2015: 36-38), die um improvisierte Waffen ergänzt werden können (vgl. Morrison, 2015: 71-77) und deren Erstschlag lediglich einleitenden Charakter hat, sofern die Gefahr noch besteht (vgl. Morrison, 2015: 103). Die Aktionen sind – wegen der obigen Ausführung zur Verlustmöglichkeit feinmotorischer Fertigkeiten – grobmotorisch gehalten sowie – durch Schritt- und Hüftarbeit – auf größten Impact ausgelegt (vgl. Morrison, 2015: 79f., 82-101, 104). Sie kommen in verschiedenen Situationen passend zum Einsatz (vgl. bspw. Morrison, 2015: 109-120, 173-186) – ferner auch als Abfolge, sofern nötig (vgl. Morrison, 2015: 104-108), beim Bodenkampf (vgl. Morrison, 2015: 53-69) aber auch im Com-Fit genannten Bereich für combative Fitness, wo vor allem im aneroben Bereich trainiert wird (vgl. Morrison, 2015: 130-138). Abgerundet wird das Buch durch zwei lesenswerte Kapitel, die sich nachvollziehbar mit der Verteidigung gegen Waffen befassen (vgl. Morrison, 2015: 139-172) – tragend sind dabei die drei Es Escape (Entkommen), Equalize (Ausgleichen) und Eliminate (Ausschalten) (vgl. Morrison, 2015: 146).

Zwei althergebrachte Grenzganganfragen

Die DVD “Primal Combatives – Bare-Bones Skills and Tactics for the Street“ ist eine perfekte Ergänzung zum Buch.

Die DVD
“Primal Combatives – Bare-Bones Skills and Tactics for the Street“
ist eine perfekte Ergänzung zum Buch.

Wie die vorangegangenen Ausführungen zeigen, bemüht sich Morrison (2015: 122-138) um praktische Handhabungen (aus Sicht einer Theorie der Praxis (Herzog (1999)) gleich mehr dazu), indem er bspw. gezielte Übungen vorstellt um Aufmerksamkeit zu trainieren, mit Stress umzugehen oder Stress- und Szenario-Training, sowie Combat-Fitness-Übungen im aneroben Bereich und für psychische Aspekte. Mit Blick auf das Theorie-Praxis-Verhältnis hat beispielweise Herzog (1999) darauf hingewiesen, dass Praxis in solchen Überlegungen nie in Reinform vorkommen kann und eine Theorie der Praxis als Vermittlungsinstanz angeregt, da Theorie und Praxis in den Überlegungen nicht direkt miteinander verzahnt werden können. Dabei geht es ihm zwar nicht primär um Verwendungsmöglichkeiten wissenschaftlichen Wissens, welches Praxis mit ihren Narrationen und kasuistischen Erfahrungen vor Verlierungen bewahren und im Zaum halten kann, sondern um Fragen nach den strukturbedingten Grenzen der Anwendung theoretischen Wissens (vgl. Herzog, 1999: 355ff., 364, 366) – aber als gewinnbringender Grenzgang betont Morrison (2015: 13) Offenheit und Lernbereitschaft.

Damit kombinierbar verweist Morrison (2015: 3, 18) auf die Relevanz eines „born out of real experience“, dem die soziale Konstruiertheit unserer Realitätswahrnehmung, „based on things such as culture, religion, media, advertising, and technology“ (Mann und Svinth, 2010: 496) entgegengehalten werden kann. Auch Bowman (2014: 1f., 14) führt aus, dass Kampfes-/Gewaltrealität stets im und durch das Zusammentreffen zwischen Kombatanten in einem spezifisch physikalisch-kulturellen, institutionalisierten Kontext sich ausprägt: für zwei untrainierte Kämpfer wird Kampf anders ablaufen als für Kampfkünstler, aber alle agieren perspektivgebunden: „It has no simple univocal objectivity“ (Bowman, 2014: 14). Bei all dem muss aber auf die Gefahr geachtet werden, die sich auch bei Roeder (2003) stellt, nämlich alles als Kulturkonstruktion auszuweisen, was bedeuten würde, Kultur selbst unkritisch zu ontologisieren (vgl. Reuter & Villa, 2010: 31), d.h. als Seinsstruktur festzuschreiben.

DVD

215 Minuten Lebenszeit, die sich für jeden Selbstverteidigungsinteressierten lohnen.

215 Minuten Lebenszeit, die sich für jeden Selbstverteidigungsinteressierten lohnen.

Neben dem Buch legt Morrison die DVD “Primal Combatives – Bare-Bones Skills and Tactics for the Street“ vor. Das sowohl auf Blue-Ray wie auf DVD orderbare Videomaterial gibt auf 215 Minuten Laufzeit einen bewegten Einblick in das Curriculum des Urban Combatives und ist damit die perfekte Ergänzung zum Buch – insbesondere, was das Üben der Techniken und Abläufe angeht. Die DVD-Box umfasst 3 DVDs, die sich auf unserem herkömmlichen DVD-Player problemlos abspielen ließen. Bild und Ton können für den Zweck überzeugen und positiv ist die an einzelnen Übungen orientierte Kapitelstruktur, so dass ein gezieltes Vor- und Zurückspringen erleichtert wird.

 

 

Fazit

Das Buch “The Complete Book of Urban Combatives“ und die DVD “Primal Combatives – Bare-Bones Skills and Tactics for the Street“ entfalten das erfahrungsbasierte Urban Combatives Curriculum Lee Morrisons, welches in verschiedenen Kontexten seine Bewährung fand (vgl. Morrison, 2015: 3). An Selbstverteidigung für diese Kontexte interessierte Leute sollten auf Grund des klaren Konzeptes und der pragmatischen Übungen ruhig zugreifen und sich ans Trainieren begeben (vgl. Morrison, 2015: 187) – Instruktoren für Selbstverteidigung können einiges an Anregungen erhalten, sollten aber – so sie nicht Grenzen überschreiten wollen – für die konkrete Trainingsgestaltung kritisch mitlesen.

Buch und DVD sind über Paladin Press als Import sowohl einzeln – das Buch zum Preis von 24,95$  und die DVD kostet 69,95$ – oder als Set für 79,95$ erhältlich.

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zur offiziellen Urban Combatives Seite von Lee Morrison

Quellenverzeichnis
Bloem, J. / Moget, P.C.M. / Petzold, H.G. (2004): Budo, Aggressionsreduktion und psychosoziale Effekte: Faktum oder Fiktion? Forschungsergebnisse – Modelle – psychologische und neurobiologische Konzepte.
In: Integrative Therapie. Zeitschrift für vergleichende Psychotherapie und Methodenintegration, 30. Jahrgang, 1-2/2004, S. 101-149.

Bowman, P. (2014): Instituting Reality in Martial Arts Practice.
In: JOMEC Journal, Issue 5, June 2014. Online: http://www.cardif.ac.uk/jomec/jomecjournal/5-june2014/Bowman_Reality.pdf (2014-12-27).

Herzog, W. (1999): Professionalisierung im Dilemma. Braucht die Lehrerinnen- und Lehrerbildung eine eigene Wissenschaft?
In: Beiträge zur Lehrerbildung, 17 (3), S. 340-374.

Mann, WR & Svinth, J.R. (2010): Reality-Based Defense. In: Green, T.A. & Svinth, J.R. (Editors): Martial Arts of the World. An Encyclopedia of History and Innovation. Santa Barbara: ABC-Clio, 2. Volumes, Volume 2: Themes, pp. 496-501.

Morrison, L. (2015): The Complete Book of Urban Combatives. Boulder, Colorado: Paladin Press.

Petzold, H.G. / Bloem, J. / Moget, P.C.M. (2004): Budokünste als „Weg“ und therapeutisches Mittel in der körper- und bewegungsorientierten Psychotherapie, Gesundheitsförderung und Persönlichkeitsentwicklung – transversale und integrative Perspektiven.
In: Integrative Therapie. Zeitschrift für vergleichende Psychotherapie und Methodenintegration, 30. Jahrgang, 1-2/2004, S. 24-100.

Reuter, J. & Villa, P.-I. (2010): Provincializing Soziologie. Postkoloniale Theorie als Herausforderung.
In: Reuter, J. & Villa, P.-I. (Hg.): Postkoloniale Soziologie. Empirische Befunde, theoretische Anschlüsse, politische Intervention. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 11-46.

Roeder, U.-R. (2003): Selbstkonstruktion und interpersonale Distanz. Dissertation an der Freien Universität Berlin.
Online: http://www.thetawelle.de/wp-upload/Interpersonale_Distanzen_Roeder_Ute_Regina.pdf (2015-05-25).

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