Buchrezension Street Fighting System: Secrets of the real Streetfight – Gewalttäter suchen Opfer, keine Gegner

Street Fighting System: Sectrets of the real Streetfight - Gewalttäter suchen Opfer, keine Gegner!

Street Fighting System: Secrets of the real Streetfight – Gewalttäter suchen Opfer, keine Gegner! (C) Books on Demand

Zu Beginn des Jahres 2015 erschien bei Books on Demand in erster Auflage das Buch „Street Fighting System. Secrets of the real Streetfight – Gewalttäter suchen Opfer, keine Gegner“. Verfasst wurde das Buch von Markus Jüllig in Zusammenarbeit mit Guido Sieverling und liegt dem Krav Maga Blog zur Rezension vor.

Das fast 150 Seiten starke Buch kommt mit einem Verkaufspreis von 17,80€ und in einem schwarzen Softcovereinband daher, auf dessen Vorderseite der in recht rustikaler Schrift gehaltene Haupttitel durch das Bild einer dunklen, schwach beleuchteten Gasse bei Nacht ergänzt wird. Mit diesen optischen Akzenten wird Jülligs Anliegen erahnbar: „‘Die Straße‘ ist nun mal rau, brutal und hart“ (Jüllig, 2015: 144).

Kerninhalt des Buches ist das von Jüllig konzipierte Street Fighting System (SFS), das Ähnlichkeiten und Unterschiede zu Wing Tsun und Jeet Kune Do aufweist und dies sollte „rational, objektiv und in jeder Situation realistisch anwendbar sein“ (Jüllig, 2015: 9). Dieser Anspruch erwächst aus dem biographischen Hintergrund des Autors (vgl. Jüllig, 2015: 7-9): Seit über 30 Jahren ist Jüllig im Kampfkunst- bzw. Kampfsportbereich tätig, sein Einstieg bildete Wing Tsun und durch berufliche Erfahrungen im Ordnungs- und Sicherheitsdienst reifte die Idee eines straßentauglichen Systems heran. Dieses entwarf der Autor schlussendlich als eigenes System, da bei vielen Fremdangeboten viele Nachteile – z.B. finanzieller Fokus – vorherrschen und Jüllig die eigene Gesundheit und das eigene Leben zu wichtig waren, um sie „in die Hände anderer zu legen“ (Jüllig, 2015: 9).

Beginnen wir mit einem Kurzfazit, das anschließend detaillierter dargelegt wird:

Das Buch wirkte auf mich – bildlich-kulinarisch gesprochen – wie in eigenem oder gleichartigen Saft – durchaus engagiert – gekocht. Allerdings gibt es – vor allem abseits der Technikkapitel – einige dampfende Unklarheiten.

Unklarheit 1: Theorie-Praxis Bezüge zur „Straße“ und zurück

Die philosophische Seite des Autors (C) Books on Demand & Markus Jüllig

Im Buch findet man viele Zitate (C) Books on Demand & Markus Jüllig

An mehreren Stellen gibt Jüllig (2015: 7f., 144f.) seine „Philosophie“ der Rauheit zu erkennen:

Er betont Praxiserfahrung, wo sich theoretisches und praktisches, antrainiertes Wissen bewähren muss – er lehnt reines Lehrbuchhandeln ab und wird nicht müde, auf „Kämpfe ohne Regeln“, wie sie „auf der Straße“ stattfinden, hinzuweisen (vgl. Jüllig, 2015: 7-13).

Aus wissenschaftlicher Sicht unternimmt Jüllig keinerlei Grenzgänge zu diesen beiden Bereichen: Für Überlegungen zum Theorie-Praxis-Verhältnis hat beispielweise Herzog (1999) darauf hingewiesen, dass Praxis in solchen Überlegungen nie in Reinform vorkommen kann und eine Theorie der Praxis als Vermittlungsinstanz angeregt, da Theorie und Praxis in den Überlegungen nicht direkt miteinander verzahnt werden können. Dabei geht es ihm zwar nicht primär um Verwendungsmöglichkeiten wissenschaftlichen Wissens, welches Praxis mit ihren Narrationen und kasuistischen Erfahrungen vor Verlierungen bewahren und im Zaum halten kann, sondern um Fragen nach den strukturbedingten Grenzen der Anwendung theoretischen Wissens (vgl. Herzog, 1999: 355ff., 364, 366) – aber insgesamt erscheint ein Grenzgang gewinnbringend, da Verhältnisse klärend.

Ebenso wenig – und durchaus anschlussfähig zum Vorangegangenen – wendet sich Jüllig seinen Aspekten der Realität und der Straße kritisch zu: Mann und Svinth (2010: 496) verweisen auf die soziale Konstruiertheit unserer Realitätswahrnehmung, „based on things such as culture, religion, media, advertising, and technology“. Auch Bowman (2014: 1f., 14) führt aus, dass Kampfes-/Gewaltrealität – wobei der Ausdruck Straße gerne für Realität steht – stets im und durch das Zusammentreffen zwischen Kombatanten in einem spezifisch physikalisch-kulturellen Kontext sich ausprägt: für zwei untrainierte Kämpfer wird Kampf anders ablaufen als für Kampfkünstler, aber alle agieren perspektivgebunden: „It has no simple univocal objectivity“ (Bowman, 2014: 14).

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht sicher nicht darum, die Bewährungen des Street Fighting System (vgl. Jüllig, 2015: 13) in Abrede zu stellen, sondern diese zu kontextualisieren. Diese Auseinandersetzungen, die mancher als wissenschaftlich oder vlt. gar mit Verweis auf „Lehrbuch“ (Jüllig, 2015: 8) ablehnen würde, als alleinigen Anspruch zu fordern, ist ebenfalls nicht der Punkt; aber wenn Grenzgänge nicht unternommen werden, kann – als Vermutung – über einen Mehrgewinn mit Blick auf Anwendbarkeitsgrenzen nicht entschieden werden.

Unklarheit 2: Street Fighting System und seine Ansprüche in Kontextualisierungen

Markus Jüllig in seinem Element (C) Markus Jüllig

Markus Jüllig in seinem Element (C) Markus Jüllig

Das Street Fighting System weist Ähnlichkeiten mit Wing Tsun und Bruce Lees Jeet Kune Do auf (vgl. Jüllig, 2015: 7) – eine Differenz zu ersterem besteht mit Blick auf möglichst schnelle Erlernbarkeit bezogen auf die vermeinte Straßentauglichkeit, was eine Unterordnung der taktilen Wahrnehmung im Trainingsprozess bedeutet (vgl. Jüllig, 2015: 9, 14f.). Parallelen zu Jeet Kune Do oder besser(?) dem Jun Fan Kung Fu lassen sich in der Street Fighting System-Grundstellung mit der Priorisierung der starken Seite als vordere Seite finden (vgl. Jüllig, 2015: 27ff.) und in zahlreichen Bruce Lee Zitaten im Buch. Unklar bleibt das Verhältnis zum Jeet Kune Do oder auch weiteren realitätsbezogenen SV-Systemen bei zwei zusammenhängenden Aspekten des Street Fighting System – das Antizipationsprinzip und der damit zusammenhängende erste Angriff (vgl. Jüllig, 2015: 14ff.).

Das Antizipationsprinzip stützt sich vor allem auf visuelle Informationen und ist an einen zuvorkommenden Angriff gekoppelt: „Steht ein Angriff unmittelbar bevor, muss man anhand der Informationen, die das Auge liefert, in der Lage sein auf KLEINSTE aggressive Bewegungen mit einem Gegenangriff reagieren zu können“ (Jüllig, 2015: 15). Unklar bleibt, welche kleinsten Anzeichen gemeint sind – insbesondere, wenn Jüllig (2015: 18f.) von „vorhersehen“ spricht und richtigerweise klarstellt, dass Angriffszeichen angetäuscht werden können und: „Anzeichen der Unentschlossenheit, auf die kleinste Reaktion zu kontern, können schwere Folgen nach sich ziehen“.

Dabei betont Jüllig (2015: 15): „Soweit bekannt, gibt es dieses Prinzip ausschließlich im SFS“ und nährt damit die Frage nach der Reichweite des Bekanntheitshorizontes. Mit Bezug zu Pre-Contact-Cues weist Jüllig zwar richtigerweise auf letztendlich unüberwindbare Unsicherheiten der Angriffsvorhersagbarkeit hin, da „jeder Gegner eine andere Kampfstellung, Körpersprache und dergleichen haben wird“ (Jüllig, 2015: 129), aber die Frage bleibt, ob diese Ausweisungen nicht zu früh und abbrechend erfolgen.

Auf Grund dieser Unklarheit muss gefragt werden, ob Ansätze wie Tony Blauers S.P.E.A.R. – die zusätzlich noch das überrascht werden und die Flinch-Reaktion mit einbeziehen – da nicht präziser sind als zumindest das im Buch ausformulierte SFS.

Der mit dem Antizipationsprinzip in Zusammenhang stehende, vom SFS favorisierte Angriffsaspekt (vgl. Jüllig, 2015: 18ff.) muss sich – ebenfalls wie das Jeet Kune Do Bruce Lees – insbesondere an einer kritischen Anfrage messen lassen, die Paul Bowman (2010: 483) auf den Punkt bringt: “The aim of being able to respond instantaneously and decisively to an attack from any angle […] presumes the opponent will not be able to anticipate or interrupt your stop-hit or that your own direct linear attack will not be – no matter how fast – equally predictable and hence subject to counter by the opponent’s stop-hit“. Für mich findet sich bei Jüllig (2015) keine klare Antwort darauf, weder für theoretische Aspekte noch für praktische Ansätze.

Der Angriff steht in engem Zusammenhang mit Fragen der Schnelligkeit, des Timings und der Distanz. Für letzeres Thema nimmt Jüllig (2015: 23ff.) eine klassisch anmutende Einteilung vor und warnt davor, dass der Übergang zwischen psychischem und physischem bzw. das durchaus „hinterlistige“ Vorarbeiten in letzteren Bereich bedeutsam ist – weitere Ausführungen dazu, Fragen der Deeskalation und dergleichen bleiben unklar bzw. Fehlanzeige. Die Distanzphasen teilt Jüllig (2015: 23ff.) wie folgt ein:

  • Erste Distanzphase: Psychische Distanz
  • Zweite Distanzphase: Fußtrittdistanz
  • Dritte Distanzphase: Fauststoß-Distanz
  • Vierte Distanzphase: Ellbogen- und Kniedistanz
  • Fünfte Distanzphase: Wurf- und Bodenkampfdistanz

Die Einteilung ist weit verbreitet und macht für Jülligs Vorhaben – den Fußtritt als „Hauptangriff im Street Fighting System“ (Jüllig, 2015: 32) zu nutzen – Sinn; allerdings bleibt eine Merkwürdigkeit: Der am Buch mitwirkende Guido Sieverling (vgl. Jüllig, 2015: 10) hat an einem anderen Buch mitgewirkt und dort wurde eine solche Einteilung als ungenau und zu Gunsten der nachfolgenden Einteilung verworfen (vgl. Bankl & Sieverling, 2014: 79f.):

  • Distanz 0 (Außer Distanz) – Zusatzbewegung zur Kontaktherstellung nötig
  • Distanz 1 (Lange Distanz) – Lange Tritte
  • Distanz 2 (Mittlere Distanz) – Lange Schläge oder kurze Tritte
  • Distanz 3 (Nahe Distanz) – Kurze Schläge, Griffe, Hebel, Würfe
  • Distanz 4 (Bodenkampf) – viele Techniken der anderen Distanzen, ggf. angepasst, möglich

Warum Sieverling diesen Querbezug als Anregung nicht hergestellt hat, bleibt ebenfalls unklar.

Unklarheit 3: Notwehrkapitel

Kapitel 12 von Jülligs (2015: 133ff.) Buch thematisiert den Notwehrparagraphen mitsamt seiner rechtlichen Bedeutung für das Street Fighting System als Selbstverteidigungssystem. Nach der Zitierung des § 32 StGB und später des § 33 StGB werden Randnummern (RN) angeführt und manche kurz als SFS-relevant (vgl. Jüllig, 2015: 135) bezeichnet. Die Randnummern lassen Copy-Paste-Assoziationen aufkommen, da sie mit RN 4-6 beginnen, es Auslassungen gibt (RN 15 gefolgt von RN 16d) und es gibt keine Quellenangabe oder weiterführende Ausführungen, um dem geneigten Leser ein tieferes Verständnis zu erleichtern. Lediglich am Ende taucht – nach Ausführungen zur Zivilcourage – ein irritierender Absatz zu Absatzprovokation, vorzeitiger, extensiver Notwehrexzess und Erlaubnistatbestandsirrtum auf, in dem ein Buch von Wessels/Beulke: Strafrecht AT, 41. Auflage“ – allerdings mit explizitem Bezug zu RN 447 – genannt wird. Woher die RN stammen, wo man weitere Informationen bekommen kann und warum Lesende – gerade im Bereich schwieriger, juristischer Diskurse – nicht mehr Orientierung erhalten, ist eine weitere Unklarheit.

Unklarheit 4: Psychologie des Straßenkampfs

Krav Maga Blog Rezension zum Street Fighting System Buch

Eine der Street Fighting System-Philosohien (C) Markus Jüllig

Jüllig (2015: 126ff., 140f.) befasst sich ebenfalls mit der Psychologie des Straßenkampfes, welches sich vor allem auf Selbstbewusstseinsfragen bezieht, welches sich egobezogene Aggressoren und Gewalttäter nicht wirklich hart erarbeitet haben und Opfer statt Gegner suchen. Jüllig (2015: 138ff.) sieht sein Street Fighting System als Selbstverteidigungsmaßnahme für den Bürger, dem der Staat im akuten Fall nicht schnell genug helfen kann und dessen Versuche, die seit Jahren ansteigende Jugendgewalt zu regulieren und abzustellen nicht fruchten – es wird immer soziale Brennpunkte und sozial benachteiligte Familien geben, „so traurig das auch sein mag“ (Jüllig, 2015: 139). Jülligs Ausführungen an dieser Stelle seien ihm selbstredend gegönnt und freigestellt und auch Funke-Wieneke (2013: 21ff.) merkt durchaus überzeugend an, dass eher das Milieu als der Sport erzieht und dass Menschen auf Grund einer vermeinten Bedeutung tätig werden und zuletzt werden Bedeutungsrelationen in einem „Netzwerk von Bedeutungen“ betont, in denen sich Bewegungsdialoge – verstanden als relationales Geschehen, wo weder Willkür noch zwangsläufige Mechanik absolut herrschen – vollziehen. Aber Fragen einer Arbeit an einer naturtransformierenden, weiterreichenden „Kultur des Friedens“ erscheinen dennoch bedeutsam (vgl. Petzold/Bloem/Moget, 2004: 35ff.) – Jülligs (2015: 139) Standpunkt bleibt dabei eher blass und auf Phrasen des „Ponyhof“ beschränkt – er müsste sich vielleicht an dem von ihm zitierten Spruch – der dem Kapitel vorangestellt wurde – messen lassen (vgl. Jüllig, 2015: 132): „Die Gelassenheit all das hinzunehmen, was nicht zu ändern ist, die Kraft das zu ändern was nicht länger zu ertragen ist und die Weisheit das eine vom anderen zu unterscheiden“ (sic!).

Gesamtfazit:

Das Buch „Street Fighting System. Secrets of the real Streetfight – Gewalttäter suchen Opfer, keine Gegner“ ist ein erfahrungsbasiertes Buch, in dem ein selbst entworfenes Selbstverteidigungssystem namens SFS durch Markus Jüllig vorgestellt wird. Das System setzt auf Antizipation und Schaden zuvorkommenden Angriff und hat sich in bestimmten Wirklichkeitskontexten, an denen Jüllig selbst Teil hat(te), bewährt. Allerdings unterlässt der Autor außerhalb der Technikkapitel weitere und ggf. weiterführende Kontextualisierungen und Orientierungen der Lesenden, was einige Unklarheiten zurücklässt. Eine uneingeschränkte Kaufempfehlung mag ich daher nicht aussprechen.

Das Buch ist sowohl als Taschenbuch zum Preis von 17, 80€ als auch als Kindle E-Book für 10,99€ bei Amazon erhältlich.

Quellenverzeichnis

Bankl, B. & Sieverling, G. (2014): Kampfsport – Kampfkunst – Selbstverteidigung. Norderstedt: Book on Demand, 2. Auflage.

Bowman, P. (2010): Jeet Kune Do.

In: Green, T.A. & Svinth, J.R. (Editors): Martial Arts of the World. An Encyclopedia of History and Innovation. Santa Barbara: ABC-Clio, 2. Volumes, Volume 2: Themes, pp. 479-485.

Bowman, P. (2014): Instituting Reality in Martial Arts Practice.

In: JOMEC Journal, Issue 5, June 2014.

Online: http://www.cardif.ac.uk/jomec/jomecjournal/5-june2014/Bowman_Reality.pdf (2014-12-27).

Funke-Wieneke, J. (2013): Zweck oder Selbstzweck. Überlegungen zu den erzieherischen Absichten, die mit dem Kampfsport verbunden werden.

In: Happ, S. & Zajonc, O. (Hrsg.): Kampfkunst und Kampfsport in Forschung und Lehre 2012. 2. Symposium der dvs-Kommission „Kampfkunst und Kampfsport“ vom 20.-21. September 2012 in Hamburg. Hamburg: Feldhaus Edition Czwalina, S. 13-26.

Herzog, W. (1999): Professionalisierung im Dilemma. Braucht die Lehrerinnen- und Lehrerbildung eine eigene Wissenschaft?

In: Beiträge zur Lehrerbildung, 17 (3), S. 340-374.

Jüllig, M. (2015): Street Fighting System. Secrets of the real Streetfight – Gewalttäter suchen Opfer, keine Gegner. Norderstedt: Books on Demand, 1. Auflage. In Zusammenarbeit mit Guido Sieverling.

Mann, WR & Svinth, J.R. (2010): Reality-Based Defense.

In: Green, T.A. & Svinth, J.R. (Editors): Martial Arts of the World. An Encyclopedia of History and Innovation. Santa Barbara: ABC-Clio, 2. Volumes, Volume 2: Themes, pp. 496-501.

Petzold, H.G. / Bloem, J. / Moget, P.C.M. (2004): Budokünste als „Weg“ und therapeutisches Mittel in der körper- und bewegungsorientierten Psychotherapie, Gesundheitsförderung und Persönlichkeitsentwicklung – transversale und integrative Perspektiven.

In: Integrative Therapie. Zeitschrift für vergleichende Psychotherapie und Methodenintegration, 30. Jahrgang, 1-2/2004, S. 24-100.

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